Das erwartet Dich in diesem Artikel
„Praxisübernahme!“ das klingt nach dem großen Schritt in die Selbstständigkeit, nach unternehmerischer Freiheit und nach der Chance, deine eigene Vision zu verwirklichen. Doch Vorsicht: Wer eine Praxis übernimmt, ohne belastbare betriebswirtschaftliche Zahlen zu kennen, begibt sich auf gefährliches Terrain.
Eine fundierte Analyse der Ausgangssituation ist der erste und wichtigste Schritt vor einer Praxisübernahme. Doch was tun, wenn die betriebswirtschaftlichen Zahlen der letzten drei Jahre nicht vollständig vorliegen? Häufig zeigt sich, dass gar keine offiziellen Auswertungen vorhanden sind, sondern nur selbst erstellte Aufzeichnungen, oft in einfachen Exceltabellen oder sogar handschriftlich geführt. Manchmal fehlen für das letzte oder aktuelle Jahr komplett die Betriebswirtschaftlichen Auswertungen (BWA) oder sie liegen nur unvollständig vor. In manchen Fällen existieren lediglich Umsatzstatistiken aus der Praxissoftware, die zwar einen groben Überblick bieten, aber keine verlässliche Grundlage für eine umfassende wirtschaftliche Bewertung darstellen.
Wichtig: Wenn die notwendigen, belastbaren betriebswirtschaftlichen Kennzahlen fehlen, ist das immer ein Alarmzeichen. Ohne diese Basis lässt sich kein seriöser Kaufpreis ableiten und kein wirtschaftlicher Erfolg zuverlässig einschätzen. In solchen Fällen ist besondere Vorsicht geboten. Im Zweifel solltest du von einer Praxisübernahme absehen, solange die Zahlen nicht belegt, geprüft und belastbar vorliegen.
Grund 1: Fehlende Zahlen vor der Praxisübernahme = Keine solide Kaufpreisgrundlage
Ohne belastbare betriebswirtschaftliche Daten lässt sich der Wert der Praxis nur raten und das ist gefährlich. Der Kaufpreis basiert in der Regel auf Erträgen, Kostenstruktur und Zukunftspotenzial. Wenn diese Zahlen fehlen oder nur grob geschätzt werden, zahlst du möglicherweise deutlich zu viel.
Ein fairer Preis kann nur entstehen, wenn du nachvollziehen kannst, woher die Umsätze kommen, wie stabil sie sind, welche Kosten tatsächlich anfallen und wie hoch die Rentabilität der Praxis vermutlich in der Zukunft sein wird. Fehlen diese Informationen vor der Praxisübernahme, ist das wie ein Hauskauf ohne Blick ins Fundament.
Grund 2: Unklare Wirtschaftlichkeit und Liquiditätsrisiken
Betriebswirtschaftliche Zahlen zeigen dir nicht nur, ob die Praxis in der Vergangenheit Gewinne erwirtschaftet hat. Sie geben auch Aufschluss darüber, wie stabil die Zahlungsfähigkeit war und ob laufende Kosten jederzeit zuverlässig gedeckt werden konnten.
Ganz besonders, wenn es sich, wie in der Physiotherapie üblich, nicht um einen Share-Deal, sondern um einen Asset-Deal handelt. Bei dieser Form des Praxiskaufs werden offene Lieferantenrechnungen oder Altverbindlichkeiten zwar nicht auf den Käufer übertragen. Dennoch bleibt eine klare Kostenstruktur unverzichtbar, um die Betriebsmittel für den Start nach der Praxisübernahme richtig zu berechnen.
Gerade in der Physiotherapie musst du die Abrechnungssystematik mit den Krankenversicherungen beachten: Nach der Übernahme behandelst du zunächst Patienten, musst dann alle Verordnungen vollständig abarbeiten, bevor du abrechnen kannst und anschließend läuft bei den Krankenkassen oder Privatpatienten noch eine Zahlungsfrist von mindestens drei Wochen. In der Praxis bedeutet das oft, dass vom Zeitpunkt der Rezeptannahme bis zur Auszahlung des Honorars mehr als acht bis neun Wochen vergehen können.
Ohne genaue Kenntnis der monatlichen Fixkosten und der zu erwartenden Einnahmeverzögerung riskierst du, in den ersten Wochen nach der Übernahme in einen Liquiditätsengpass zu geraten, selbst dann, wenn die Praxis insgesamt profitabel ist.
Grund 3: Besonderheiten in der Kostenstruktur sind nicht zu erkennen
Eine unvollständige oder nur grob aufbereitete Zahlenbasis kann dazu führen, dass wichtige Besonderheiten in der Kostenstruktur verborgen bleiben. Solche Effekte verfälschen das Bild der tatsächlichen wirtschaftlichen Lage und können für den neuen Inhaber gravierende Folgen haben.
Ein Beispiel: Eine Ehefrau oder ein Ehemann, die an der Rezeption arbeitet, ist formal mit einem geringeren Gehalt angestellt. Tatsächlich übernimmt sie oder er aber zusätzliche Aufgaben, die zeitlich weit über die vergütete Zeit hinausgehen. Für den bisherigen Inhaber ist das ein Gestaltungselement, weil er für diese Mehrleistung keine vollen Personalkosten ansetzen muss. Für dich als Käufer bedeutet das: Wenn diese Person das Unternehmen verlässt oder du ihre Tätigkeit korrekt nachstellen möchtest, musst du dafür die volle Lohnkostenbelastung einkalkulieren.
Ein anderes Beispiel betrifft besondere Einnahmepositionen, die das Jahresergebnis einmalig verbessern, aber keine nachhaltige Einnahmequelle darstellen, etwa der Verkauf eines Praxisfahrzeugs (Anlagenabgang). Solche Sondereffekte erhöhen den ausgewiesenen Gewinn, sind aber für deine zukünftige Planung ohne Relevanz.
Nur mit vollständigen und verlässlichen Zahlen kannst du diese Effekte vor der Praxisübernahme erkennen, ihre tatsächliche Bedeutung einschätzen und sie korrekt in die Kaufpreisermittlung und die Prognose der zukünftigen Kostenstruktur einbeziehen. Denn oft gibt es viele kleinere und größere Posten, die zwar das bisherige Ergebnis beeinflusst haben, für die wirtschaftliche Zukunft der Praxis jedoch anders bewertet oder ganz ausgeklammert werden müssen.
Grund 4: Mangelnde Transparenz ist ein Warnsignal
Transparenz ist eines der deutlichsten Zeichen für Seriosität und Vertrauen, besonders, wenn es um den Kauf oder die Übernahme einer Praxis geht. Wenn der aktuelle Inhaber nicht bereit oder nicht in der Lage ist, dir vollständige, strukturierte und nachvollziehbare Zahlen vorzulegen, sollte bei dir sofort größte Vorsicht geboten sein.
Die Gründe dafür können unterschiedlich sein:
Manchmal steckt schlicht mangelnde betriebswirtschaftliche Organisation dahinter, etwa, weil der Inhaber Zahlen nur für die Steuererklärung aufbereiten lässt, aber nie aktiv mit ihnen arbeitet. In diesem Fall liegen die Daten zwar irgendwo vor, müssen aber erst mühsam zusammengetragen werden. Das ist zwar lästig, lässt sich jedoch in der Regel mit Zeit und Unterstützung beheben.
Problematisch wird es, wenn die fehlende Transparenz nicht auf Unordnung, sondern auf Absicht beruht, nämlich dem Versuch, wirtschaftliche Schwächen oder Risiken vor einer Praxisübernahme zu verschleiern. Das können sinkende Umsätze, hohe Fixkosten, Personalprobleme oder einmalige Sondereffekte sein, die den Gewinn künstlich aufhübschen. In solchen Fällen versucht der Verkäufer möglicherweise, ein wirtschaftlich attraktiveres Bild der Praxis zu zeichnen, als tatsächlich der Realität entspricht.
Egal, welche Ursache vorliegt, beides ist kritisch. Denn ohne offene, belegbare und nachvollziehbare Datengrundlage gehst du bei einer Praxisübernahme ein hohes Risiko ein. Du hast keine verlässliche Basis, um den Kaufpreis korrekt zu bewerten, die wirtschaftliche Tragfähigkeit einzuschätzen oder zukünftige Kosten und Einnahmen realistisch zu planen.
Darum gilt: Eine vollständige und transparente Zahlenbasis ist die unverzichtbare Grundlage für Vertrauen und seriöse Verhandlungen bei der Vorbereitung einer Praxisübernahme. Sie ermöglicht dir, Chancen und Risiken objektiv zu bewerten, und sie schützt dich davor, Entscheidungen auf unsicheren Annahmen zu treffen. Je früher dir ein Verkäufer diese Offenheit bietet, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass auch die weitere Zusammenarbeit und die Übergabephase reibungslos verlaufen.
Grund 5: Ohne Expertenhilfe fehlt dir die objektive Bewertung
Selbst wenn dir die wichtigsten Zahlen vor einer Praxisübernahme vollständig vorliegen, heißt das noch lange nicht, dass du sie automatisch richtig interpretierst. Zahlen wirken auf den ersten Blick oft eindeutig, doch ihre Aussagekraft hängt stark davon ab, wie sie ermittelt wurden, welche Posten enthalten sind und welche vielleicht fehlen.
Wenn du selbst kein Experte für Unternehmenszahlen bist, solltest du deshalb unbedingt einen erfahrenen Unternehmensberater oder Steuerberater hinzuziehen. Diese Fachleute bringen nicht nur die nötige Routine in der Analyse mit, sondern wissen auch, wo sie genauer hinschauen müssen, um Risiken oder Besonderheiten zu erkennen, die Laien häufig übersehen.
Ein guter Berater kann:
- die vorhandenen Daten professionell auswerten und ihre Aussagekraft prüfen,
- fehlende Kennzahlen rekonstruieren, zum Beispiel Umsatz je Behandlungsminute oder Auslastungsquoten,
- Besonderheiten in der Zahlengestaltung erkennen, etwa einmalige Einnahmen, außergewöhnlich niedrige Personalkosten oder nicht marktgerechte Mieten,
- und dir eine realistische Einschätzung zu Kaufpreis, Risiken und Chancen geben auf Basis belastbarer Fakten statt auf Annahmen.
Gerade in der Physiotherapie sind solche Analysen vor einer Praxisübernahme entscheidend, weil die wirtschaftliche Situation stark von Faktoren wie Personalstruktur, Krankenkassenabrechnung oder saisonalen Auslastungsschwankungen abhängen kann.
Die Kosten für eine solche Beratung bei der Praxisübernahme sind im Verhältnis zu möglichen Fehlentscheidungen minimal und können dich im Ernstfall vor einem finanziellen Desaster bewahren. Ein falscher Kaufpreis, nicht erkannte Liquiditätslücken oder unrealistische Gewinnerwartungen können dich nach der Übernahme schnell in Schwierigkeiten bringen. Mit professioneller Unterstützung stellst du sicher, dass du keine Überraschungen erlebst, sondern mit einem klaren Bild der wirtschaftlichen Realität in deine neue Rolle als Praxisinhaber startest.
Fazit: Keine belastbaren Zahlen: Kein Kauf
Eine Praxisübernahme ohne vollständige, belegte und nachvollziehbare betriebswirtschaftliche Zahlen ist wie ein Haus zu kaufen, ohne den Keller gesehen zu haben: Es mag gutgehen, aber du gehst dabei unkalkulierbare Risiken ein. Möglicherweise entdeckst du erst nach der Unterschrift, dass die wirtschaftliche Realität nicht dem Bild entspricht, das dir vorher vermittelt wurde. Solche Überraschungen können nicht nur teuer, sondern auch existenzgefährdend sein.
Klare Empfehlung:
- Liegen die betriebswirtschaftlichen Zahlen nicht vollständig, belegt und nachvollziehbar vor, ist das immer ein Alarmzeichen.
- Solange diese Basis fehlt, solltest du keine finale Kaufentscheidung treffen.
- Seriöse Verhandlungen beginnen erst dann, wenn alle relevanten Kennzahlen, idealerweise für die letzten drei Jahre, transparent auf dem Tisch liegen.
Gib dem Verkäufer ausreichend Zeit, fehlende Unterlagen erstellen zu lassen. Manchmal müssen Daten erst vom Steuerberater oder aus der Praxissoftware zusammengetragen werden. Lass dich dabei nicht von einem möglichen Zeitdruck des Verkäufers drängen. Dieser darf nicht zu deinem Zeitdruck werden. Eine überhastete Entscheidung zur Praxisübernahme kann dich langfristig deutlich mehr kosten, als ein paar Wochen Geduld in der Analysephase.
Falls du unsicher bist, wie du die vorliegenden Daten bewerten sollst: Ziehe unbedingt einen Unternehmensberater oder Steuerberater hinzu. Diese Experten erkennen Auffälligkeiten, die für Laien oft unsichtbar bleiben, und können dir eine objektive Einschätzung zu Kaufpreis, Risiken und Chancen geben.
So stellst du sicher, dass du bei der Praxisübernahme nicht nur eine Praxis kaufst, sondern eine wirtschaftlich tragfähige Grundlage, auf der du langfristig erfolgreich arbeiten und deine unternehmerischen Ziele umsetzen kannst.
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